DJ für alles

Die Welt ist voller Stuff. Die Auswahl an Dingen ist unendlich. Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten. Selbst die größten Experten können nicht alles kennen. Sie kennen aber in der Regel viel mehr als man selbst. Daher können sie allen anderen einen guten Dienst erweisen – das Zauberwort lautet Kuration.

Wenn mir der Style einer Person gefällt, dann gefällt mir wahrscheinlich auch das, was sie mir empfiehlt. Wir kennen das längst aus der Influencer-Mode-Welt. Die Idee: Das, was wir in der Mode-Welt erleben, gilt mittelfristig für alle Dinge auf dieser Welt. Wir brauchen Unterstützung, um eine Schneise durch das Konsum- / Info-Dickicht zu schlagen.

Du meinst, dass das Facebook, Instagram und Co mit ihren Algorithmen ganz prima für einen übernehmen? Ganz ehrlich: Nee. Was die ziemlich gut können, ist mir immer mehr vom gleichen zu servieren. Dir gefallen lustige Tier-Videos, there you go! Du magst Tanz-Choreos, hier hast du 27 weitere TikToks. Jeder ist seines News Feeds Schmied? Ja, vielleicht. Aber ich persönlich habe mir in all den Jahren immer noch keinen News Feed gebastelt, der mich inhaltlich so sehr bereichert, wie das Menschen tun.

Algorithmen suchen einfach permanent das aus, was möglichst viele andere auch interessiert hat. Masse, Masse, Masse. Geschmack ist aber sehr viel individueller. Nur weil 100.000 Menschen etwas geliked haben, muss mich das noch lange nicht berühren. Selbst wenn wir uns ansonsten vermeintlich für die gleichen Dinge interessieren. Serendipity können Algorithmen zudem so gut wie gar nicht. Wann hat dich das letzte Mal etwas auf Instagram oder Facebook wirklich überrascht? Ich gehe sogar davon aus, dass das von den Firmen auch gar nicht gewollt ist. Nutzerïnnen sollen so lange wie möglich auf der Plattform bleiben, so oft wie möglich die App öffnen. Wenn nun die Algorithmen einem permanent Zeugs in den News Feed spülen würden, der einen überrascht, dann laufen die Plattformen Gefahr, Nutzerïnnen zu verprellen. Den Anlegern gefällt das gar nicht.

Daher braucht es Menschen, die das übernehmen. DJs für alles sozusagen. Ja, natürlich gibt es auch DJs, die ein möglichst breites Publikum ansprechen wollen. Das können die gern machen. No bias. Es gibt aber eben auch jene, die sich so krass gut mit einer ganz bestimmten Musikrichtung auskennen, dass man sich einfach nur wundert, wo sie diesen ganzen Wahnsinn nun jetzt schon wieder ausgegraben haben. Genau das gleiche Prinzip lässt sich auf alles andere auch anwenden.

Du meinst, dass das Journalisten schon ganz gut machen würden? Jein. Klar, es gibt viele Journalistïnnen, die sich wirklich extrem gut in bestimmten Themen auskennen. In aller Regel arbeiten sie aber bei Publikationen, bei denen ebenfalls eine maximal breite Masse an Leuten angesprochen werden muss. Andernfalls funktioniert das Geschäft nicht. So können wirklich nischige Themen in aller Regel nicht ins Heft / Programm gehoben werden. Das rentiert sich einfach nicht. Dafür braucht es schon Special-Internet-Angebote. Genau diese funktionieren aber am Markt nur noch bedingt.*

Beispiel Musikmagazine. Auch hier arbeiten sehr fähige Leute. Mit wirklich überlebensfähigen Geschäftsmodellen überzeugen sie derzeit allerdings nicht. Blogger, YouTuber und Co haben längst ihre Jobs übernommen. Oftmals unbezahlt, immer häufiger aber auch getragen von einer interessierten Community via Steady, Patreon oder Tipping. Sie können es sich leisten, für ein sehr kleines Publikum zu arbeiten, weil ihre Fixkosten viel geringer sind als bei traditionellen Redaktionsstrukturen.

Das ist alles viel zu unsicher? Nun, da bin ich anderer Meinung. Wir haben beim Social Media Watchblog 1500 Abos an Privatpersonen verkauft. Zudem haben wir über 100 Institutionen, die für ihre Mitarbeiterïnnen unseren Newsletter einkaufen. Zusammen macht das 4500 „Arbeitgeber“. Wie viel mehr Sicherheit braucht man?

Fazit: Die Nische wird immer bedeutender. Ob und wie Legacy Media auf diesen Trend reagieren kann, sehe ich momentan nicht. Mein Bauch sagt mir, dass wir uns künftig immer stärker an Kuratoren jeglicher Art orientieren werden. Wer es schafft, sich zu einem Thema einen Namen zu machen, hat beste Chancen, genau diesem Thema hauptberuflich nachzugehen. Trust we.

*Öffentlich-Rechtliche Angebote bilden hier die Ausnahme – etwa Cosmo vom WDR oder 1xtra der BBC.

12 Jahre bei Twitter

Heute bin ich seit 12 Jahren bei Twitter. Streng genommen bin ich schon etwas länger auf der Plattform aktiv. Aber die zwei, drei Accounts davor hatte ich dann recht rasch zugunsten eines Accounts mit Klarnamen gecancelt. Zur Marke werden und so. Es war schon damals klar, dass das irgendwann wichtig wird. Ich erinnere mich noch gut an die Gespräche und Diskussionen – etwa mit Karsten Lohmeyer von Lousy Pennies. Das waren noch Zeiten:

Interessanterweise ist das Schaubild von 2013 ganz gut gealtert. Klar, ICQ, Vimeo und Google+ sollten gegen die Logos von Instagram und Substack sowie einem Symbolbild für Podcasts ausgetauscht werden. Aber die Gleichung ist schon noch immer die selbe. Mit einer Ausnahme: Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich reicht, relevante, journalistische Inhalte zu erstellen und zu teilen, um sich einen Namen zu machen. Mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre scheint es mir eher wichtig, Hot Takes zu allem und nichts zu verfassen.

All die Leute, die damals™ damit anfingen, relevante journalistische Inhalte zu teilen, sind irgendwann in ihrem Wachstum auf Twitter stehengeblieben. Ein paar 10k-Follower vielleicht. Das war es dann auch. Accounts, die sich eher durch Rants und schnelle Meinungen auszeichnen, wachsen hingegen kräftig. Ich bin mir nicht ganz sicher, was mir das sagen soll. Schon strange, dass wir Journalisten auf Twitter so hängengeblieben sind.

Alle haben einen Podcast, aber niemanden zum Reden.

2021: Mehr Dankbarkeit zeigen

2021 ist endlich da. Habe große Lust auf das neue Jahr. Ehrlich wahr! 2020 war nicht alles schlecht. Kann ich wirklich nicht behaupten. Als privilegierter Typ, der in einer Uni-Stadt wohnt, habe ich wirklich keinen Grund zu meckern. Im Gegenteil. Ich habe jede Menge Dankbarkeit in mir. Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, diese Dankbarkeit mehr zum Ausdruck zu bringen. Aber nicht nur das: Ich möchte mich auch bemühen, der Allgemeinheit mehr zurückzugeben. Nun kann man als Einzelperson nicht alle Feuer dieser Welt löschen. Sehr wohl kann man aber im Kleinen, vor Ort, lokal, Dinge verändern, sich einbringen. Das möchte ich tun. Auf welche Art und Weise dies geschehen kann, muss ich noch herausfinden. Aber 2020 hat mir gezeigt, dass es mir wirklich ziemlich gut geht.