Über Wutbürger und Angstpolitiker

Martin

Beim sehr geschätzten Kollegen Armin Wolf habe ich diese spannende Rede von Politikberater Thomas Hofer gefunden, die den Titel „Entscheidungsfragen der Gegenwart“ trägt und die ich hier in Auszügen teilen möchte. Es sei aber unbedingt auch die ganze Rede zum Nachlesen empfohlen.

Ich denke, wir stehen vor einigen Entscheidungsfragen. Entscheidungsfragen, die Sie, geschätzte Abgeordnete, wesentlich mitentscheiden werden. Eine dieser Fragen ist für mich, an welchen allgemein zugänglichen Orten wir künftig demokratisch Themen verhandeln. Diese Orte kommen uns nämlich zunehmend abhanden. Es ist nicht nur so, dass die allgemeine politische und mediale Erregungskultur langsam in einen schrillen Dauerton mündet, der uns unempflindlich macht gegenüber dem, was sich an Wesentlichem ereignet.(…)

Manche sagen auch „Blasen“ dazu. Ich finde dieses Bild falsch, weil es insinuiert, dass man die Blasen mit einer Stecknadel jederzeit zum Platzen bringen kann. Das Wort Blase suggeriert Fiktion. Doch diese Blasen, oder eben diese Stämme, sind sehr reale Parallelwelten der Information – oder eben der Desinformation.(…)

Der eine Stamm pinselt großspurig „Wir sind das Volk“ auf seine Banner und erhebt so einen völlig sinnentstellenden Generalvertretungsanspruch. Der andere Stamm wiederum verunglimpft die Mitglieder des einen als dumm, rückständig und als Modernisierungsverlierer. Dass das die gegenseitige Ablehnung und Verachtung vermehrt, braucht niemanden zu wundern.

Die Bürgerinnen und Bürger müssen in die Lage versetzt werden, solche Inhalte beurteilen und Echtes von Unechtem unterscheiden zu können. Und zwar so, wie man hoffentlich einen grammatikalisch richtigen von einem falschen Satz unterscheiden lernt. Die Frage der Bewertung von Information ist eine zentrale für unsere Demokratie.

Und es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Es ist zwar nett, wenn man an den Schulen Gratis-Tablets verteilt, denn manche werden sich diese nicht leisten können. Aber: Stellen wir die Chancengerechtigkeit bei der medialen Alphabetisierung nicht her, dann ist das demokratiepolitisch so, wie wenn Sie einen Fuchs in einen Hühnerstall sperren und sagen: Liebe Hühner, Ihr habt das gleiche Recht den Fuchs zu fressen wie er Euch! Auf Dauer wird das zu einem gewissen Ungleichgewicht führen.

Überwachungskapitalismus

Martin

Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff im Interview mit Deutschlandfunk Kultur zur Frage, wie Facebook, Google oder Amazon persönliche Daten kommerzialisiert und zur Handelsware erklärt haben.

Der Überwachungskapitalismus definiert persönliche menschliche Erlebnisse, die außerhalb des Marktes, in der Privatsphäre unserer eigenen Erfahrungen stattfinden, nun als freies Rohmaterial, das in den Markt übernommen und in Produkte umgewandelt werden kann, die auf neuen Märkten gekauft und verkauft werden können.

Twitter is not your friend

Martin

Twitter is not your friend. It is built to reward us for snarky in-group communication and designed to encourage unintended out-group readership. It fosters both tribalism and tribal collision. It seduces you into thinking you’re writing for one community but it gives everyone the ability to search your words and project them forward in time and space and outward into another community at the point when it’ll do you maximum damage. It leaves you explaining jokes that can’t be explained to employers that don’t like jokes anyway.

Quelle: The problem with Twitter, as shown by the Sarah Jeong fracas

Der Kampf gegen Desinformationen bei WhatsApp

Martin

Was ist: Über 200 Millionen Nutzer verzeichnet WhatsApp in Indien. Der Messenger wird dort nicht nur privat genutzt, sondern ist auch für politische, religiöse, medizinische und juristische Kommunikation die Plattform der Wahl. Dazu kommen Tausende Falschnachrichten, die entweder politisch motiviert sind, oder im schlimmsten Fall aus schierer Boshaftigkeit lanciert werden und dazu führen, dass unschuldige Menschen von aufgebrachten Mobs gelyncht werden.

Warum ist das interessant? Die Fälle, in denen Menschen aufgrund von Falschnachrichten nicht nur drangsaliert, sondern gar ums Leben gebracht werden, häufen sich – allein deshalb sollte WhatsApp, respektive Facebook, daran ein genuines Interesse haben, Dinge zu ändern. Zusätzlich hat Facebook sich ja bereits spätestens seit der US-Wahl dem Kampf gegen „Fake News“ verschrieben und erreicht eigenen Aussagen zufolge auch mit Blick auf den hauseigenen News Feed zunehmend bessere Ergebnisse. Bei WhatsApp aber, dessen größtes Feature ja die Verschlüsselung der Nachrichten per default ist, ist es ungleich schwerer, der Verbreitung von Falschinformationen Herr zu werden.

Was könnte WhatsApp denn ändern? Es gibt keine einfachen Lösungen für dieses Problem. Um so bemerkenswerter sind die Vorschläge, die Nikhil Pahwa in seinem Artikel macht. Hier Pahwas Vorschläge im Überblick:

  1. Nutzer können wählen, ob ihre Nachrichten öffentlich oder privat sein sollen. Die Default-Einstellung sollte privat sein. So könnte es erschwert werden, bestimmte Nachrichten weiter zu verbreiten.
  2. Der ursprüngliche Absender der Nachricht sollte erlauben dürfen, ob eine Nachricht weitergeleitet werden darf. So würde sichergestellt, dass der ursprüngliche Absender wirklich ein Interesse daran hat, die Nachricht weiterverbreitet zu sehen.
  3. Wenn jemand eine Nachricht öffentlich macht, sollte diese Nachricht eine spezielle ID bekommen. Dadurch könnte die Nachricht, einmal im Umlauf, wieder auf den ursprünglichen Absender zurückverfolgt werden.
  4. Nutzer sollten befähigt werden, öffentliche Nachrichten als Desinformation zu markieren. In der Folge könnte sich ein Team von WhatsApp diesen Nachrichten annehmen.

Ok. Klingt ganz gut. Und was unternimmt WhatsApp bislang? WhatsApp zeigt sich auf verschiedenen Ebenen bemüht, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Der neueste Versuch besteht darin, Stipendien für Forscher aufzusetzen. Fair enough. Leider habe ich aber noch keine offiziellen Statements – vor allem auch hinsichtlich der Lynchmobs – von WhatsApp-Verantwortlichen gelesen. Falls ich da etwas übersehen habe, freue ich mich über Hinweise.

Wie werden denn bislang die Desinformationen gestoppt? Indien etwa bemüht sich mit Aufklärungskampagnen und versucht mit Journalisten für mehr „digital literacy“ zu sorgen. Auch versucht die Regierung, mittels Rechtsprechung Zeichen zu setzen. Es kommt aber auch vor, dass Indien das Internet einfach abschaltet: im Jahr 2017 passierte das 70 mal, in den ersten sechs Monaten im Jahr 2018 bereits 65 mal.

Tiefgang: Wer sich noch intensiver mit dem Thema auseinandersetzen möchte und wer verstehen möchte, welche Rolle WhatsApp in Südamerika, Afrika und Südostasien spielt, der sollte dieses Dosier von Tactical Tech lesen.

Dieser Artikel ist Teil des Social Media Watchblog Briefings, das ich jeden Dienstag und Donnerstag per Newsletter verschicke – wenn du magst, kannst du das Briefing hier abonnieren.

Der Wettbewerb um Mobile Video zwischen YouTube, Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Martin

Was ist: Wir erleben aktuell einen spannenden Wettbewerb zwischen Facebook, Snapchat, Twitter und YouTube in Sachen "Mobile Video".

Warum ist das interessant?

  • Zahlen aus dem Internet Trend Report unterstreichen, dass die Werbeindustrie natürlich dort ihr Geld am liebsten investiert, wo die Nutzer am meisten Zeit verbringen. In den letzten fünf Jahren haben wir deshalb in Sachen Werbebudgets vor allem einen massiven Shift hin zu Mobile erlebt. Nutznießer dieses Trends sind vor allem die Social-Media-Plattformen, die es nach wie vor schaffen, einen Großteil der Zeit, die Menschen auf die mobile Internetnutzung verwenden, auf sich zu lenken.
  • Der zweite wesentliche Trend ist der, dass mit regulären Anzeigen nicht mehr so viel wie noch vor einigen Jahren zu verdienen ist. Vielmehr richtet sich der Blick auf die Werbebudgets, die klassischerweise ins Fernsehen investiert werden. Da sich nun aber Kids und Millenials weniger stark für klassische Programme interessieren, sondern vermehrt Videos auf Plattformen konsumieren, ist ein enormer Wettbewerb um eben jene Werbegelder entbrannt.

Wer hat bislang die Nase vorn? Aktuell ist unter den Social-Media-Plattformen YouTube noch der Platzhirsch, wenn es um Werbung im Segment "Mobile Video" geht. Gleichwohl attackieren sowohl Snapchat als auch Twitter, Facebook und Instagram den Platzhirschen unentwegt und versuchen mit unterschiedlichen Strategien einerseits der Fernsehbranche, andererseits aber auch YouTube das Wasser abzugraben.

Der Erfolg von YouTube:

  • YouTube ist in Sachen "Mobile Video" die populärste App – sowohl bei den Nutzern als auch bei den Kreativen, was wiederum beides unmittelbar miteinander zusammenhängt und genau der Grund ist, warum YouTube so eine enorme Bedeutung im Bereich Mobile Video erlangt hat.
  • Kreative schätzen die Plattform für die Möglichkeiten, die eigenen Inhalte dort monetarisieren zu können. Zwar hat YouTube die Messlatte etwas höher gehängt, um auf der Plattform Geld verdienen zu können, aber letztlich sind die Optionen, die YouTube bietet, noch ohne Vergleich.
  • Auch schätzen Kreative, dass YouTube, als zweitgrößte Suchmaschine hinter Google, solide Optionen anbietet, überhaupt mit seinen Inhalten entdeckt werden zu können. Schon einmal bei Facebook etwas gesucht? Genau.
  • Zudem können Kreative durch die direkten Abo-Funktionen sehr gut Fan-Communities aufbauen – anders als etwa bei Facebook, wo man bekanntermaßen selbst dann, wenn man Fan wird, noch lange nicht alle Inhalte auch präsentiert bekommt.

Die Strategien der Social-Media-Plattformen:

  • Facebook versucht derzeit auf verschiedenen Wegen, Geld von YouTube, respektive den Fernsehsendern abzuziehen. Einerseits versuchen sie das Stories-Format auch auf Facebook populär zu machen. Der Grund: Bei Stories lässt sich prima Werbung zwischen den einzelnen Stories schalten. Zudem versucht Facebook mit Watch einen eigenen Hafen für Video-Inhalte auf Facebook zu bauen. Das Problem hierbei: die Videos, die für Watch produziert werden, kommen noch in erster Linie von traditionellen Medienunternehmen. Es sind aber eben gerade die Influencer, die im Bereich Mobile Video die nötige Anziehungskraft besitzen. Facebook Watch hingegen konkurriert gefühlt eher mit Netflix, Amazon Prime, Apple und Co…
  • Instagram hat jüngst IGTV angekündigt – eine speziell für Videos mit bis zu 60 Minuten Länge gebaute App, die sowohl als Standalone funktioniert, als auch via Instagram erreicht werden kann. Der Clou an der App besteht sicherlich darin, dass sie komplett auf die mobile Nutzung ausgerichtet ist – sprich die Videos im Hochformat sind. Auch versucht Instagram mit dieser App zunächst eher Content Creator abzuholen – Marques Brownlee etwa zeigt sich ganz angetan – und ist nicht so sehr in erster Linie darauf aus, traditionelle Medienunternehmen auf die Plattform zu holen oder deren Moderatoren, etc… Bislang ist noch nicht klar, welche Monetarisierungs-Optionen Instagram den Kreativen an die Hand geben wird. Wenn sie das jedoch hinkriegen, könnte IGTV zu einer echten Konkurrenz für YouTube werden.
  • Snapchat hingegen tut sich schwer mit Kreativen und setzt – so sieht es jedenfalls derzeit aus – eher auf reguläre Nutzer. Zwar wird auch hier im Bereich Discover oder eben innerhalb der einzelnen Stories bereits Video-Werbung geschaltet, aber die Anziehungskraft für Content Creator hält sich weiterhin in Grenzen, YouTube dominiert.
  • Twitter ist wieder einmal ein Sonderfall. Zwar hat es Twitter geschafft, einzelne News-Angebote und Live-Sport-Events auf die Plattform zu holen und tütet dadurch den einen oder anderen Video-Werbedeal ein, aber Kreative, die für YouTube so einen elementaren Einfluss auf den Erfolg der Plattform haben, nutzen Twitter lediglich zur Verbreitung ihrer Botschaften, nicht aber als Ort, um ihre Videos direkt erlebbar zu machen.

Be smart: Der Video-Boom scheint seit Jahren ungebrochen. Während Netflix, Amazon und andere Streaming-Dienste Milliarden für originären Content ausgeben (siehe hierzu: Netflix-onomics), traditionelle Medienunternehmen sich mit Mobilfunkunternehmen zusammentun, um High Quality Serien und Shows als Bonus für Subscriptions anbieten zu können, hängt der Erfolg von "Mobile Video" bei den Social-Media-Plattformen vor allem davon ab, wo die Kreativen ihre Inhalte präsentieren. Aktuell sieht es so aus, als würde sich an dieser Stelle ein Zweikampf zwischen YouTube und Instagram entwickeln – für viel mehr Anbieter wird dann aber auch schon kein Platz mehr sein. Schauen wir mal, was bei Insta in den kommenden Monaten passiert. Ansonsten sieht es so aus, als würde YouTube an dieser Stelle weiter das Rennen machen.